„Gletscher sind das Gedächtnis der Welt“ & „Theorie wurde Praxis.“

Ein Gespräch mit Valentina Eisendle und Daniel Windisch, beide 5r. Es ist ein sonniger Mittwochnachmittag, auch wenn es die Sonne mal wieder nicht bis auf den Gang im ersten Stock des Altbaus geschafft hat. Die zwei sollten eigentlich turnen (danke, Professor Mössner, für´s Verständnis!) und eigentlich waren zwanzig Minuten veranschlagt, aber irgendwie gab es soviel zu reden, dass eine Stunde daraus wurde.

Während des gesamten Gesprächs bekomme ich ein Bild nicht aus dem Kopf: ein Spielfeld, zwei Spieler, zwei Tennisschläger und ich bin der kleine, gelbe, fluffige Ball, der zwischen den beiden herumgeschleudert wird. Die Antworten fliegen hin und her, manchmal daneben, dann brechen beide in Lachen aus, es geht von Daniel zu Valentina und vice versa. Sie haben Spaß an der Sache, noch wichtiger aufrichtiges Interesse, auch wenn sie beide ein wenig nervös wirken zu Beginn. Dass beide ihre Hände andauernd beschäftigt halten müssen, fällt mir spätestens dann auf, als der Flyer, der auf dem Tisch lag, nun entweder als Blasrohr für Giftpfeile oder als Minikeule dienen kann. Angesichts des Themas Gletscher entscheide ich mich für die Interpretation als Minikeule.

Vorausgeschickt sollte ich wohl anmerken, dass ich wenig Ahnung habe von der Materie, über die ich die beiden gleich befragen werde. Glaziologie. So mit Gletschern. Sie sterben, sind selten schneeweiß, aber sicher eiskalt und kalben. Stellt sich mir die Frage: was machen zwei vielbeschäftigte Maturanten fünf Tage lang auf dem Stilfser Joch bei Eisregen und Schneetreiben in einem Glaziologiecamp? Eben. Das führt uns zur ersten Frage:

 

Für Menschen, die keine Ahnung haben: was macht man bzw. frau bei einem Glaziologiecamp?

(Es antworten beide, manchmal hintereinander, oft gleichzeitig, sie ergänzen den Satz des einen, beenden den Satz der anderen. Ein gut eingespieltes Team.) „Einen Gletscher besteigen, durch die Gegend laufen und merkwürdige Begriffe lernen: Orthogneis, Paragneis. Nach Blockgletschern (Daniel erklärt für die Unwissenden: „Das sind gefrorene Geröllhaufen, sozusagen sich bewegende Permafrostböden.“ Ah ja, danke schön.) suchen.

 

Ihr seid also in Sterzing losgefahren...

… und dann trafen sich dort Schüler und Schülerinnen aus ganz Südtirol, deutscher und italienischer Sprache und alle sprechen in ihrer Muttersprache!“Ein Problem?„Nein, das war gelebte Zweisprachigkeit!“

 

Noch mal zurück: Ihr seid in Sterzing gestartet...

(Beide, abwechselnd, gleichzeitig, das kennen wir schon.) „Insgesamt waren wir fünf Tage, von Dienstag bis Samstag unterwegs. Wir sind mit Zug bis Bozen gefahren, natürlich gab´s eine Verspätung und wir durften mit Riesenrucksack und Eispickel durch den Zug rennen wie die Irren. (lachen beide). Dann ging´s weiter bis Spondinig im Vinschgau, und schlussendlich mit dem Bus bis auf die Franzenshöhe am Stilfser Joch. Ganz schön weit weg von Sterzing!“

 

Eine besonders wichtige Frage: Wie war das Wetter?

„Das Wetter war schön.“ (Valentina), „Ja, für zwei Tage!“ (Daniel), „Gut, auf dem Gletscher hatte es geschneit, darum war eine Suldenspitzbesteigung nicht möglich.“ (Valentina). „Gletscherspalten!“, wirft Daniel ein.

 

Wer hat das Camp geleitet und wer waren eure Lehrer  dort?

„Die Vortragenden waren Lehrer aus ganz Südtirol, z.B. Valter („Ein Italiener, darum mit V!“ - ich glaube, das war mal wieder Daniel…), Pfeifenraucher und sehr interessiert an seinem Gebiet.“ „Das Schöne war, dass es keinen Druck gab, etwas zu lernen, sondern es hat gereicht, dass wir uns dafür interessieren. Und dann haben die Lehrer gemeint: ok, das interessiert euch, dann sagen wir es euch!“ „Am Abend hörten wir uns nach dem Tag im Gelände noch die unterschiedlichsten Vorträge an. Das war manchmal etwas mühsam. Nicht weil es nicht spannend war, aber wir hatten so viel gegessen, und dann wird man so müde!“ (Lachen. Beide.) „Wir saßen jeden Tag zwei Stunden beim Abendessen und es gab jeden Abend fünf Gänge! Echt gut, aber auf die Dauer einfach zu viel!“ (Valentina) „Auf der Hütte gab es einen Konferenzraum, in dem wir Experimente zum Thema Eis und Gletscher durchführen konnten.“ (Sie erzählen von einem Versuch, der Milch, Eis und ein Stück schwarzes und weißes Papier erforderte, aber wer Details wissen will, möge sich  bitte an die beiden wenden!)

 

Was könnt ihr über die Zusammenarbeit mit den anderen Schülern sagen? Was fiel euch besonders auf?

Alle Schüler kamen aus der 5. Klasse.“ „Insgesamt waren wir 22. Das Verhältnis sehr ausgewogen, sowohl was die Verteilung zwischen Mädchen Jungen, als auch die Sprachgruppen betrifft.“, meint Daniel (das liest sich jetzt schneller, als es erzählt wurde. Was die genauen Zahlen betrifft, waren sie einig uneinig.), „Sie kamen aus Realgymnasien, dem wissenschaftlichen Realgymnasium, der Geometerschule und dem Franzikanergymnasium.

 

Warum sollen oder müssen wir alle uns mit Gletschern beschäftigen?

(Daniel) „Gletscher sind das Gedächtnis der Welt: Schichten und Bohrungen, ja sogar der eingeschlossene Blütenstaub verraten uns so viel über die Vergangenheit! Der Reaktorunfall in Fukushima kann schon jetzt im Gletschereis auf dem Ortler nachgewiesen werden, das ist echt beeindruckend!“ (Valentina) „Gletscherforscher der OhioState University haben weltweit Gletscher erforscht und Bohrkernproben entnommen. Und zwar weg von Nordpol, auf den sich die Gletscherforschung für lange Zeit konzentriert hatte. Sie dachten sich, es wäre höchste Zeit sich um Proben zu kümmern, bevor alles schmilzt!“ „Viele wissen es vielleicht gar nicht, aber die ersten sechs Meter eines Gletschers sind eigentlich nur Schnee, der „richtige“ Gletscher beginnt erst nach diesen sechs Metern Tiefe.“ (Nochmals Valentina:) „Aber am wichtigsten für mich war es folgendes über den Klimawandel zu erfahren: Wir glauben zu wissen, aber wir wissen gar nichts!“ (Daniel:) „Der Klimaforscher, der mit uns unterwegs war hat bestätigt, dass Unwetter extremer werden, aber dass es unmöglich ist den Klimawandel tatsächlich zu spüren.“

 

Wie würdet ihr die Umgebung auf dem Stilfser Joch beschreiben?

Valentina: „Wunderbaaaaaar, richtig eindrucksvoll, man sieht die wirkliche Natur.“

Daniel: „Es war sehr intensiv: im Angesicht all der Geschichte wird man klein.

Valentina: „Diese Gletscher formten einen Großteil der Welt und jetzt sind sie weg. Unsere Kindeskinder werden das nicht mehr sehen; daran zu denken, ist eher traurig als schön.

Daniel: „Mich hat es fasziniert, dass wir so weit in die Geschichte zurücksehen können.

(beide): „Die Abwechslung zur Schule war toll, dass wir die Dinge in der freien Natur sehen und angreifen konnten. Theorie wurde Praxis!“

 

Irgendwelche abschließenden Worte von euch?

„Wir bedanken uns bei Professor Siller, denn er hat es uns ermöglicht an dem Camp teilzunehmen. Wir haben auch kiloweise Steine herumgeschleppt und wollten ihm einen mitbringen, aber dann haben wir sie alle auf dem Tisch in der Hütte liegen gelassen.“ (Lachen.)

 

Ich bedanke mich für das Gespräch, die Sonne ist mittlerweile hinter einigen Wolken verschwunden und ich werfe noch einen letzten Blick auf die Minikeule. Vielleicht sollte ich mal einen Gletscher besuchen, sie scheinen ein faszinierendes Stück Welt zu sein.